Humane AI- Gottes Niederlage

Von Yildiz, 18 Jahre

New York, im Jahre 2165:

Sie trug ein weinrotes Kleid und einen Lippenstift in derselben Farbe. Ihr braunes Haar fiel wie Seide an ihrem schmalen Rücken herunter und verlor sich am unteren Ende in leichten Wellen. Ein Engel, der neben mir in einem schwarzen Citroen saß und neben ihr wiederum ein gutaussehender Ingenieur, der nebenbei auch ihr Ehemann war.
,,Ben hast du die Adresse?’’, fragte mich der Engel.
,,Ähm ja natürlich Missus Lensher! Entschuldigen Sie, ich war in Gedanken. Alexa, fahr uns doch bitte zur Fifth Avenue 63.’’
,,Fifth Avenue 63. Fahrzeit ca. 20 Minuten’’, antwortete mir die KI und der schwarze Citroen fuhr los.

,,Ich mochte deinen Vortrag über die Quanten- Nanobots Ben, es war wirklich faszinierend! Weißt du mein früherer Ehemann, Gott habe ihn gnädig, forschte ebenfalls an dem Bewusstsein des Menschen und wie wir diesen eines Tages auf einen Computer übertragen könnten. John, war der Vortag nicht spannend?’’
Der gutaussehende Milliardär, den sie ansprach, war kein Mann von Emotionen. Die meiste Zeit starrte er einfach ausdruckslos durch die Gegend mit seinen tiefblauen Augen und schwieg. Jedoch sah ich deutlich, dass ihm die Ansprache seiner Frau, der Abend und die Tatsache, dass *ich* mit ihnen im Citroen saß wenig gefiel.
,,Ja Schatz, es war spannend. Auch wenn ich nicht verstehe wie man ernsthaft an einer Idee festhalten kann, die gegen jegliches Selbstbild des Menschen spricht. Nichts für ungut Benjamin, aber ich bin froh, dass diese Idee nicht viel Zustimmung erhalten hat’’, antwortete John Lensher seiner Frau oder wohl eher mir. Was unsere Beziehung angeht, so kann ich sagen, dass John und Ich uns wenig mochten. John Lensher war Ingenieur für Informationstechnik und Unternehmer. Mein Engel heiratete ihn zwei Jahre, nachdem sie verwitwete. John hatte sie schon lange vorher begehrt, als sie gemeinsam auf einer New Yorker Universität studierten, jedoch liebte sie damals einen Informatikstudenten aus dem höheren Semester, aber dazu später mehr. Mich mochte John vor allem nicht aufgrund meiner wissenschaftlichen und philosophischen Anschauungen und aufgrund der Tatsache, dass seine Frau und Ich uns sehr gut verstanden. Doch er kannte nicht die Wahrheit. Genauso wenig wie mein Engel. Zumindest noch nicht zu diesem Zeitpunkt, was sich aber in Kürze ändern sollte.

,,Ach John du bist zu verklemmt in dieser Hinsicht’’, verteidigte mich mein Engel. ,, Ich meine die Nanosysteme von denen Ben in seinem Vortrag sprach, sind doch schon entwickelt.’’
,,Danke Missus Lensher. Tatsächlich ist das Konzept zu den Quanten- Nanobots schon sehr weit entwickelt, aber bis naja...’’ Ich verlor mich in meinen Gedanken bis die sanfte Stimme des Engels mich wieder in die Realität holte:
,,Bis was Ben? Warum sprichst du nicht weiter?’’
,,Bis wir sie in das Gehirn einschleusen und somit ein künstliches neuronales Netz aufbauen können, wie ich in meinem Vortrag ja bereits beschrieb’’, setzte ich die Erzählung fort, ,,dazu fehlt es den Wissenschaftlern bislang noch an juristischer Genehmigung’’.
,,Ja und das ist auch gut so!’’, mischte sich nun auch wieder John Lensher in das Gespräch ein, wobei er mit seinem ausdruckslosen Blick weiterhin in die Ferne sah und nur seine Stimme in die Unterhaltung involvierte. ,, Reiner Schwachsinn das alles, wenn du mich fragst. Beinahe so absurd wie die Diskussion über Menschenrechte für Androiden. Wir haben nicht mal jedem Menschen die Menschenrechte zugesprochen und wir können sie immer noch nicht überall schützen, wo sie gelten müssten, aber wir reden davon, künstlichen Intelligenzen Rechte zuzusprechen. Das findest doch auch du absurd Mary!’’.
John sprach hier von etwas, wofür ich die letzten Jahre intensiv kämpfte: Über die Rechte der Androiden. Androide sind Künstliche Intelligenzen, die sich äußerlich und nach Meinung vieler Wissenschaftler auch mental kaum von Menschen unterschieden. Ich wusste, dass die Androiden dem Menschen gleich waren. Ich wusste es, aber solche sturen Köpfe wie John vom Gegenteil zu überzeugen, war nicht einfach. Seine Meinung dazu war mir jedoch auch herzlich gleich. Doch meinen Engel würde ich gleich überzeugen müssen.

,,Ach John, lass uns jetzt nicht weiter über Themen sprechen, die dir nicht bekommen. Ben du wirst mir ja gleich bei dir Zuhause mehr zu deiner Arbeit zeigen. Ich freue mich schon! ’’
,,Und was wirst du tun John?’’, fragte ich den gutaussehenden Ingenieur wissentlich und auch in der Hoffnung, dass er uns nicht begleiten wolle. Schließlich musste ich allein mit meinem Engel sprechen.
,,Ich werde in einer Bar paar Blocks weiter was trinken und hole dich dann wieder ab Schatz.’’
,,Danke Liebster. Lasst uns die Rest der Fahrt etwas hören.’’
,,Alexa spiel Queen.’’
,,OK Mister Jackson’’, antwortete mir die KI und der Song ,,Who wants to live forever’’ wurde abgespielt. „Wie ironisch“, dachte ich.


Wenig später trafen wir bei mir Zuhause ein. Mein Engel und ihr gutaussehender Ehemann verabschiedeten sich mit einem innigen Kuss, während ich daneben saß und die Zähne zusammenbiss, um nicht auf John loszugehen. Als sie mit den Zärtlichkeiten fertig waren, stieg ich aus, half meinem Engel aus dem schwarzen Citroen und winkte John nach, als dieser endlich wie besprochen zu einer Bar paar Blocks weiter losfuhr.
,,Nun, Ben, musst du mir aber dein Labor zeigen.’’
,,Natürlich Missus Lensher, ich wollte Ihnen auch schon sehr lange einmal zeigen, wo ich die meiste Zeit meines Lebens verbringe und Ihnen mehr von meiner Arbeit erzählen. Ich denke es gibt manches, das Sie noch nicht wissen.’’
,,Ach ja, was denn Ben?’’
Das sollte sie noch erfahren. Ich nahm ihre kleine Hand und führte sie in mein großes Anwesen. ,,Hallo Geralt’’, begrüßte ich meinen Androiden. Geralt war eigentlich wie jeder Android ein Haussklave. Ich jedoch bezahlte ihn für seine Dienste.
,,Guten Abend Mister Jackson und Sie müssen die bezaubernde Missus Lensher sein. Mister Jackson hat schon viel von Ihnen erzählt. Ich bringe Ihnen gerne einen Tee, wenn Sie möchten.’’ Wir stimmten beide zu und gingen daraufhin den Flur weiter entlang zur Kellertür, liefen die steile Treppe hinunter und erreichten nun mein Labor.

,,Nun Ben. Quanten-Nanobots also. Mein früherer Ehemann forschte ebenfalls daran. Vor einigen Jahrzehnten hätte niemand gedacht, dass die Penrose-Hameroff Theorie tatsächlich stimmen könnte’’.
Die Theorie, von der mein Engel sprach, ist eine Theorie des menschlichen Bewusstseins, die vom Physiker Sir Roger Penrose und dem Anästhesisten Stuart Hameroff in den 1990er Jahren entwickelt wurde. Sie behaupteten, dass das Bewusstsein im Gehirn nicht durch elektrochemische Prozesse zwischen den Neuronen, sondern durch Quanteneffekte *in* den Neuronen, genauer gesagt in winzigen Eiweißröhrchen, Mikrotubuli genannt, entsteht. Etwas weniger wissenschaftlich gesprochen kann man diesen Ansatz in der Zeit als dieser entstand, als absolut revolutionär und eigenartig bewerten. Wissenschaftler, die sich dieser Theorie zusprachen, galten lange Zeit als Parawissenschaftler. Der Einwand lautete, dass die Quanteneffekte von zu kurzer Dauer wären, als dass sie Einfluss auf neuronale Prozesse nehmen könnten. Nun die Kritiker lagen falsch so viel kann ich sagen.

,,Du erzählst oft von deinem Ehemann, ich meine deinen früheren Ehemann vor John.’’ Ich thematisierte die vorangegangene Ehe meines Engels nicht ohne Grund und als ich den Schmerz in ihren Augen sah, musste ich mich zurückhalten nicht wieder ihre Hand zu greifen und sie nie mehr loszulassen. Nie wieder.
,,Ach Frank! Er war so... besonders und scheute sich nie, seine Meinung zu sagen, auch wenn sie auf noch so viel Widerstand traf und er war der liebevollste Ehemann, den man sich vorstellen kann. Ich verstehe bis heute nicht wie er mich verlassen konnte.’’
,,Warum, glaubst du, hat er dich verlassen?’’
,,Ich weiß es nicht. Er war wirklich besessen von seiner Forschung und als man ihm sagte, dass man ihm alle Forschungsgelder streicht, nahm ihm das jegliche Freude. Er ging fort, um an KI Medizintechniken zu forschen. Das war 2142. Danach sah ich ihn nie wieder. Eines Tages bekam ich dann die Nachricht, dass er…’’, den letzten Satz brachte mein Engel nicht über die Lippen, denn sie brach noch vorher in Tränen aus. Sie entschuldigte sich und wollte wieder anfangen zu erzählen doch brach daraufhin wieder in Tränen aus und ich stand nur daneben und sah sie an. Ich wusste, was ich ihr antat war unverzeihlich. Wie sollte sie mir je vergeben? Aber ich konnte es nicht länger verheimlichen.

,,Tut mir leid Ben, du wolltest mir ja von deiner Arbeit erzählen, aber es ist nur… jetzt wo die Forschung zu den Quanten- Nanobots soweit gekommen ist, kann ich einfach immer wieder nur an Frank denken. Er war so besessen. Um ehrlich zu sein, manchmal erinnerst du mich ein wenig an Frank. Die gleiche Leidenschaft, die gleichen Ziele, ach was rede ich denn da, tut mir le-’’, noch bevor sie ihren Satz beenden konnte, griff ich nach ihrer schmalen Taille hielt sie eng an mich und fuhr durch ihr seidenes Haar.
,,Erinnerst du dich, was du trugst, als du Frank das erste Mal getroffen hast?’’
,,Wovon redest du da? Ben!’’
,,Du hast ein weißes Kleid getragen, das dir bis zu den Knien ging und du hattest Blumen im Haar, die du vorher hinein geflochten hattest.’’ Marys Schrecken war deutlich in ihrem Gesicht zu erkennen. Doch nun hatte ich angefangen und nun musste ich es auch zu Ende bringen. ,,Weißt du noch, Mary, wie dich Frank immer nannte, nachdem er dich in diesem Kleid sah?’’ Ihre Lippen bebten und Tränen kullerten ihre Wangen hinunter, doch ich sah an ihren Augen, dass sie es noch wusste.

,,Wer bist du?’’, fragte sie mit zitternder Stimme.
,,Er nannte dich immer *mein Engel*.’’
,,Wer bist du?’’, wiederholte sie die Frage
,,Er ging fort, um weiter an Quanten-Nanobots zu forschen. Er sagte er würde an Medizintechnik forschen, doch das tat er nicht. Er brauchte nur das Forschungsgeld, was ihm dafür gegeben wurde. Mary er fürchtete, dass...nach seinem Tod... Er nahm einen anderen Namen an.’’
,,Was für einen Namen? Was sagst du da?’’
,,Sein neuer Name lautete *Benjamin Jackson*.’’

Es war ausgesprochen. Die Wahrheit. Nun, ich muss natürlich so einiges erklären. Mein richtiger Name lautet Frank Goldberg und Mary Lensher ist meine Frau, beziehungsweise war sie meine Frau. Ich forschte seit meiner Promotion an Quanten-Nanobots, um das ewige Kräftemessen mit Gott zu beenden. Ich wollte die Unsterblichkeit erfinden. Ich hatte ein gutes Team, doch wir kamen nicht voran mit unserer Forschung. Ständig wurden uns Gelder gestrichen, wurden wir kritisiert, wurde uns gesagt, dass die Penrose-Hameroff Theorie niemals stimmen könnte, dass das Bewusstsein des Menschen keine Datei sei, die man einfach so auf ein anderes Medium übertragen könne. Und dann, 2140, wurde der erste Android G4K6 geschaffen, womit die Diskussion um dessen Status in unserer Gesellschaft begann. Obwohl G4K6 den Turing-Test bestand, wollte ihm niemand ein Bewusstsein zusprechen. Der Turing Test ist ein Verfahren, in dem eine Maschine daraufhin getestet wird, ob sie in der Interaktion mit einem echten Menschen nicht als Maschine erkannt wird. Eine ganze Bewegung von Intellektuellen forderte, dass man G4K6 die Menschenrechte absprechen solle und die UN hat im selben Jahr beschlossen, dass nur ,,reale Menschen’’ auf Kohlenstoffbasis die Menschenrechte zugesprochen werden darf. Die Angst um das evolutionäre Verdrängen durch die Androiden wog nun mal mehr als die Vernunft. Niemand nahm an, dass der Zeitpunkt, dass die von uns geschaffene Technologie unsere philosophischen und ethischen Überlegungen überfordern, doch so schnell eintreffen würde. Daraufhin fanden sich kaum noch Wissenschaftler, die an der Unsterblichkeit forschen wollten. Wieso auch? Was nützt dem Individuum die Unsterblichkeit, wenn es mit seinem neuen siliziumbasierten Körper keine Menschenrechte besaß?

Dann aber, 2145, wurde Ich von einem Forschungsteam aus Russland kontaktiert, das sich den Quanten-Nanobots zuwandte. Ich schloss mich ihnen an, doch erwirtschaftete nebenbei sehr viel Forschungsgeld für die KI Medizintechnik an die ich eigentlich forschen sollte, wofür das Team, das im Untergrund und durch private Spenden finanziert, arbeitete, sehr dankbar war. Die Jahre verbrachte ich im fremden Land, um meine Vision doch noch zu erfüllen. Ich erklärte mich als erster dazu bereit, die Quanten- Nanobots in mein Gehirn einzuschleusen, damit sich ein künstliches neuronales Netz bilden konnte, das einzelne natürliche Neuronen ergänzt, von diesen lernt und irgendwann auch ersetzt. Wir waren wirklich zuversichtlich und dann passierte es.
,,Sie sagten, du seist tot. Tot Frank!’’, sagte Mary immer noch völlig verängstigt.
,,Ja, das war ich auch Liebste.’’
2155 begaben ein Forschungskollege namens James und Ich uns auf den Weg zurück in unsere Wohngemeinschaft. Doch als wir das Haus erreichten, stand die Tür offen. Sie wurde eingetreten. Wir wurden überfallen und die Täter liefen direkt in uns hinein. Es kam zu einem Handgemenge, dann ein Schuss und ich lag blutend am Boden. Ein tiefer Atemzug- James rief meinen Namen. Noch ein Atemzug- James hielt mich in seinen Armen und ich sagte eine letzte Sache vor dem dritten und letzten Atemzug...Mary.

Dann erinnere ich mich nur noch daran wie Ich aufwachte, mich anders fühlte. Sehr anders. Keine Rückenschmerzen wie sonst, wenn ich aufstand. Was war passiert? Ich schaute in den Spiegel und sah diese Gestalt. Eine künstliche Intelligenz in Gestalt eines Mannes. Ein Android geschaffen aus einem Menschen. *The humane AI*.
,,Warum hast du es mir nie gesagt?’’
,,Ich konnte es niemanden sagen. Der Dissens über das Menschenbild und den Status der Androiden war zu tief. Ich hatte mich strafbar gemacht und du warst mit John verheiratet. Welche Konsequenzen hätten mich erwartet?".
Mary und Ich waren keine Ehepartner mehr und so vieles war anders, aber nicht unsere perfekte Chemie. Wir freundeten uns sehr schnell an, was zugegeben nicht sehr schwer war, da ich ihre ganzen Interessen ja bereits kannte.

,,Warum erzählst du es mir jetzt, wenn du es zuvor die ganze Zeit geheim hieltst?’’
,,Weil du mich mit Frank Goldberg verglichen hast. Wenn dies nicht der Beweis ist, dass ich nicht bloß eine Maschine bin! Dies ist der Sieg! Ich habe bewiesen, dass ich nicht bloß Funktionalität, sondern echtes Bewusstsein besitze und all das hier aufgezeichnet. Ich habe den Turing-Test bestanden und ich möchte, dass du mir folgst und unsterblich wirst. Ich will nie wieder von dir getrennt sein. Mary, Ich möchte, dass du zur humane AI wirst’’.
Nachdem ich von den Toten auferstanden bin, einigte sich unser Team, dass es der nächste Schritt sein müsste, die Welt darauf vorzubereiten. Ich begab mich in die Challenge den Turing Test zu absolvieren. Mary musste mich nur als ihren Ehemann erkennen.
,,Frank bitte, das ist alles einfach zu viel! Ich war auf deiner Beerdigung, ich sah deinen Leichnam! Das ist ja Gotteslästerei!’’, antwortete mein Engel schluchzend.
,,Nein Mary’’, ich fasste ihr Gesicht mit beiden Händen, ,,das ist nicht Gotteslästerei, sondern *Gottes Niederlage*.’’

Autorin / Autor: Yildiz