Neugier beflügelt das Gedächtnis

Studie ergab, dass forschende und stressige Aufgaben sich unterschiedlich auf unsere Merkfähigkeit auswirken

Habt ihr auch manchmal das Gefühl, dass es euch schwerer fällt, für eine nahende Prüfung zu lernen, als euch Fakten zu merken, die ihr für eine Gruppenarbeit sammelt, bei der es um eine Forschungsaufgabe geht? Dieses Gedächtnisverhalten scheint ganz normal zu sein, wenn man einer neuen Studie des Duke Institute for Brain Sciences Glauben schenken möchte. Danach verbessert die Umstellung von einer stressigen auf eine neugierige Denkweise das Gedächtnis der Menschen.

Für die Studie wurden 420 Erwachsene rekrutiert, die sich einen Tag lang als Kunstdiebe ausgeben sollten. Die Teilnehmer:innen, die in zwei Gruppen aufgeteilt wurden, erhielten unterschiedliche Hintergrundgeschichten. Die erste Gruppe sollte sich vorstellen, ein Meisterdieb zu sein, der gerade im Moment einen Raub durchführt und so viel wie möglich stehlen soll. Die andere Gruppe bekam eher eine Forschungsaufgabe: Sie sollte sich vorstellen, ein Dieb zu sein, der das Museum auskundschaftet, um einen zukünftigen Raub zu planen.

Nachdem sie diese unterschiedlichen Hintergrundgeschichten kennengelernt hatten, spielten beide Gruppen das gleiche Computerspiel: Sie erkundeten ein Kunstmuseum mit vier farbigen Türen, die für verschiedene Räume standen. Sie klickten auf eine Tür, um ein Gemälde aus dem Raum und dessen Wert zu sehen. Einige Räume enthielten wertvollere Kunstsammlungen. Unabhängig davon, in welchem Szenario sie sich befanden, verdienten alle Teilnehmer:innen echtes Bonusgeld, wenn sie wertvollere Gemälde fanden.

Erinnerungsspiele

Als sich die Teilnehmer:innen am nächsten Tag wieder einloggten, wurden sie mit einem Quiz konfrontiert, bei dem sie 175 verschiedene Gemälde erkennen mussten (100 vom Vortag und 75 neue). Wenn die Teilnehmer:innen ein Gemälde als bekannt markierten, mussten sie sich auch daran erinnern, wie viel es wert war. Tatsächlich stellte sich heraus, dass die Teilnehmer:innen der "neugierigen Gruppe", die sich nur vorstellten, einen Raub zu planen,  ein besseres Gedächtnis hatten und mehr Gemälde erkannten. Sie erinnerten sich eher daran, wie viel jedes Gemälde wert war, wobei auch die Belohnung dafür sorgte, dass wertvolle Gemälde eher in Erinnerung blieben. Bei den Teilnehmer:innen der "eiligen Gruppe", die sich vorgestellt hatten, im Moment den Raub auszuführen, war die insgesamte Gedächtnisleistung dagegen geringer. Sie hatten jedoch einen anderen Vorteil, denn sie waren besser darin, herauszufinden, hinter welchen Türen sich teurere Stücke verbargen, und schnappten sich folglich mehr hochwertige Gemälde.

Es gibt nicht die bessere Strategie

Der Unterschied in den Strategien (neugierig versus eilig) und ihren Ergebnissen (besseres Gedächtnis versus höherwertigere Gemälde) bedeutet jedoch nicht, dass die eine besser ist als die andere. "Es ist wertvoll zu lernen, welcher Modus in einem bestimmten Moment passend ist und ihn dann strategisch zu nutzen", sagte Studienleiterin Dr. Adcock. So könne ein dringlicher, unter hohem Druck stehender Modus die beste Option für die Lösung eines kurzfristigen Problems sein. Und sie nennt ein Beispiel: "Wenn Sie auf einer Wanderung sind und ein Bär auftaucht, sollten Sie nicht über eine langfristige Planung nachdenken. Dann müssen Sie sich darauf konzentrieren, sofort von dort wegzukommen." Wolle man dagegen das Langzeitgedächtnis oder längerfristig ausgelegtes Handeln fördern, sei es es weniger effektiv, die Menschen unter Stress zu setzen. "Manchmal möchte man Menschen dazu motivieren, Informationen zu suchen und sich in Zukunft daran zu erinnern, was längerfristige Folgen für die Änderung des Lebensstils haben könnte", sagte Alyssa Sinclair, Co-Autorin der Studie. "Vielleicht muss man sie dazu in einen neugierigen Modus versetzen, damit sie die Informationen tatsächlich behalten können."

Aktivierung unterschiedlicher Gehirnregionen

Die Forscherinnen gehen diesen Ergebnissen nun nach und untersuchen, wie Dringlichkeit und Neugier unterschiedliche Teile des Gehirns aktivieren. Erste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der "Dringlichkeitsmodus" durch die Aktivierung der Amygdala, einer mandelförmigen Hirnregion, die vor allem für ihre Rolle beim Angstgedächtnis bekannt ist, die Bildung konzentrierter, effizienter Erinnerungen fördert. Die neugierige Erkundung scheint dagegen die lernfördernde Neurochemikalie Dopamin in den Hippocampus zu leiten, eine Hirnregion, die für die Bildung eines detaillierten Langzeitgedächtnisses entscheidend ist.

Die Ergebnisse wurden am 25. Juli online in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 1. August 2023